Molekulare Erkennung
Katalyse, Regulation und Signaltransduktion stellen fundamentale biologische Prozesse dar. Die Präzision dieser grundlegenden Vorgänge ist in der Regel das Ergebnis einer hochspezifischen molekularen Wechselwirkung zwischen zwei oder mehreren Molekülen. So beruht beispielsweise unser Immunsystem auf derartigen molekularen Erkennungsprozessen. Interessanterweise spielen molekulare Erkennungsprozesse nicht nur in der makromolekularen Welt der Proteine und Nucleinsäuren eine Rolle, sondern durchaus auch im niedermolekularen Bereich. So weist das Antibiotikum Vancomycin einen einzigartigen Wirkmechanismus auf, dergestalt dass es nicht mit Proteinen oder DNA wechselwirkt sondern sequenzselektiv eine Dipeptideinheit erkennt, die für die Quervernetzung der bakteriellen Zellwand unerlässlich ist. Das Vancomycin bildet mit der Dipeptid-Einheit D-Ala-D-Ala einen supramolekularen Komplex, der den Zugriff des in der Biosynthese nachfolgenden Enzyms unmöglich macht.
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Antikörper-Antigen - Komplex |
Vancomycin - D-Ala-D-Ala-Komplex |
Das
Studium dieser nicht-kovalenten Wechselwirkungen stellt eine der zentralen
Herausforderungen der aktuellen bioorganischen Forschung dar. Im Zentrum des
Interesses stehen hierbei insbesondere Wechselwirkungen von Proteinen mit
Peptiden oder kleinen Molekülen, da ein fehlerhafter Erkennungsprozess in
diesem Bereich eine häufige Ursache schwerer Krankheiten darstellt.
Artifizielle
Rezeptorsysteme, die in der Lage sind, sequenzselektiv an ein bestimmtes Peptid
zu binden, können zu einem besseren Verständnis von Peptid-Peptid
Wechselwirkungen auf molekularer Ebene beitragen. Im Unterschied zu natürlichen Protein-Rezeptoren sind
bioorganische Modellrezeptoren kleine Moleküle, die breit variiert werden können.
Die Herausforderung an das Design eines artifiziellen Peptid-Rezeptors besteht
darin, die strukturellen Eigenschaften einer vorgegebenen peptidischen Struktur
in ein nicht-peptidisches Rezeptor-Molekül mit komplementärer Bindestelle zu
überführen.
Als
Target für unsere eigenen Arbeiten auf dem Gebiet der molekularen Erkennung
haben wir die sogenannten Ras-Proteine ausgewählt. Ras-Proteine
stellen eine Superfamilie von 20-25 kDa großen Proteinen dar, deren gemeinsame
Eigenschaft die Bindung von GTP ist. Ras-Proteine regeln eine Vielzahl zellulärer
Prozesse, sowohl als Transportfaktoren wie auch als Signalproteine. Im letzteren
Fall stellen die Ras-Proteine wichtige Schalter in der Zelldifferenzierung, im
Zellcyclus und der Apoptose dar. Eine Fehlfunktion von Ras-Proteinen kann zu
dramatischen Konsequenzen in der Zelle führen. So wird angenommen, dass
mindestens 30% aller menschlichen Tumore eine Ras-Fehlsteuerung aufweisen.
Ras-Proteine stellen somit hochrelevante Targets für die Entwicklung neuer
Antitumorwirkstoffe dar.
Ras-Proteine werden als biologisch inaktive cytosolische Vorstufen synthetisiert. Erst nach Farnesylierung und Einbettung in die Plasmamembran werden die Proteine aktiviert. Die Farnesylierung erfolgt an einem Cystein der C-terminalen CaaX-Box (C = Cystein, a = aliphatische Aminosäure, X = Methionin, Serin). Die Farnesyltransferase erkennt das Ras-Protein an dieser Sequenz und führt die Farnesylierung entsprechend durch.
Wir
wollen die Ras-Proteine dadurch blockieren,
dass wir nicht klassisch die in der Biosynthesekette nachfolgende Farnesyltransferase
hemmen, sondern diesem Enzym den Zugang zum Substrat verwehren, indem die CaaX
Box durch einen synthetischen Rezeptor maskiert wird. Hierfür werden große
kombinatorische Bibliotheken festphasengebundener, potentieller Rezeptoren nach
dem "Split and Combine"-Verfahren erzeugt. Die gesamte Bibliothek wird
in einem weiteren Schritt dann mit dem farbstoffmarkierten CaaX - Peptid
inkubiert. Bindende Rezeptoren führen zu einer Verfärbung des Trägermaterials
und können so leicht identifiziert werden. Auf diesem Wege identifizierte
Rezeptoren werden in einer Kooperation mit dem
Max-Planck-Institut für
molekulare Physiologie in Dortmund physikochemisch
charakterisiert und auf Ihre Bindung an Ras-Proteine eingehend untersucht.

Literatur:
C. Schmuck, Chemie in unserer Zeit 2001, 35, 356-366.
C. Schmuck, Org. Biomol. Chem. 2003, 1, 633.
A. Wittinghofer, H. Waldmann, Angew. Chem. 2000, 112, 4360.
D.L. Dong, Chem&Biol. 1999, 6, 133.